Mallorca

Kapitel 3 - Allcudia, Nachtspaziergang

Urlaub – das ist doch etwas Herrliches. Besonders, wenn man keinen Wecker hat und ganz gemütlich bis halb zwölf schläft. So erholt war ich schon lange nicht mehr, das tut richtig gut. Allerdings wollten wir gar nicht so lange im Bett bleiben, aber immer, wenn einer von uns wach wurde, warf er einen Blick zum anderen, sah diesen noch fröhlich schnarchen und sagte sich: „Nein, den/die kann ich jetzt nicht wecken“, drehte sich um nur um fünf Minuten später als unweckbar erkannt zu werden. Gut getan hat es natürlich trotzdem, obwohl Jila für morgen ihr Handy stellen will.

Dabei haben wir nicht so viel verpasst: Der Himmel ist grau in grau, und ein kühler Wind peitscht über die Insel. Sicherlich kein Strandwetter, aber da der Sonnenbrand inzwischen ziemlich juckt steht der Sinn sowieso nach anderem. Auf nach Alcudia ist die Devise, wir wollen eine kleine Stadt erforschen.

Die Busse wecken Heimweh in Jila: Sie halten sich nicht an den Busfahrplan, es kommt erst mal einige Zeit keiner und dann alle auf einmal, und jeder von ihnen ist gnadenlos überfüllt, sodass die Menschentraube jedes Mal verzweifelt aufheult, wenn sie die plattgedrückten Gesichter in den öffentlichen Transportmitteln sieht.

Hätten sie stattdessen erkannt, dass mit ein bisschen Druck von vorne immer noch jemand reingeht, wären sie auch wie Jila und ich schon im zweiten Bus weg gewesen. Haben sie aber nicht, ihr Pech. Noch während der Bus fährt, fängt es an zu regnen. Kein Problem für uns, schließlich haben wir uns natürlich auf Mallorcas berüchtigten Regenstürme vorbereitet, dass heißt, wir laufen kurzärmlig ohne Schirm und ohne Jacke herum. So soll es sein!

In Alcudia zeigt sich auch, warum die Busse so überfüllt waren: Nicht nur, dass das schlechte Wetter die ganzen Touristen vom Strand vertrieben hat, es ist auch noch Markttag. So ziehen wir von Budenplane zu Budenplane, begutachten gar-nicht-so-sehr fremdländische Gewürze, wilde Klamotten, kitschige Strandtücher und afrikanische Masken. Schließlich auch die Porta de Xara, Fragment der ehemaligen Stadtmauer. Doch die Witterung lädt nicht zum Verweilen ein, und so hüpfen wir von Ladenmarkise zu Ladenmarkise, nicht ohne die feilgebotenen Waren zu begutachten.

Die Straßen sind trotz ihrer Nässe sehr pittoresk: Häuser aus gelbem Sandstein, die sich hell und leicht in die Höhe recken, die Gassen dazwischen nicht zu schmal und nicht zu breit.

Bald ist das Rathaus erreicht, dessen nettes Äußeres nicht ganz über das triste Wetter hinwegtröstet, aber immerhin war es ein Versuch. Also kämpfen wir uns weiter durch die feindlichen Winde, ein Museum soll hier gleich um die Ecke sein. Inzwischen mit einem frisch erworbenen Regenschirm gewappnet stoßen wir aber zunächst auf die alte Kirche des Ortes, die in die Stadtmauer eingebettet ist.

Eindrucksvoll ist sie von außen, laut unserem Reiseführer auch von innen. Von letzterem können wir uns leider nicht selbst überzeugen, da sie geschlossen ist. Immerhin wissen wir jetzt, wo wir sind und können das Museum ansteuern. Wieder beim Rathaus angelangt wird offensichtlich, dass es doch nicht ganz so einfach ist, das Museum zu finden, also wieder eine Gasse zurück und siehe da, hier ist es. Kein Wunder, dass wir es nicht entdeckt hatten, ist es doch – geschlossen. Heute scheint kein guter Tag für Stadtbesichtigungen in Alcudia zu sein. Wir lassen uns aber nicht verdrießen, gehen wieder zurück zur Kirche, die immer noch beeindruckend und verschlossen ist und folgen nun der Stadtmauer, bis wir in einer spanischen Kneipe einkehren, um uns an einem Capuccino mit Sahne aufzuwärmen. Allerdings muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass Jilas Capuccino viel mehr Sahne hatte als der meine, was aber nicht an der Zubereitung lag sondern an ihrer Dreistigkeit, meine Unaufmerksamkeit beim Studium des Reiseführers auf der Suche nach neuen Zielen auszunutzen. Diese Frau.....

Immerhin ist es uns wärmer geworden, da feindet auch der verstärkte Regen nur unwesentlich an, während wir auf das neue Ziel zusteuern: Die Pollentia, hat nichts mit Polizei zu tun sondern sind Überreste von den Römern. Immerhin ist Allcudia die älteste Stadt Mallorcas. Dort angekommen sehen wir einige Steinquader und vereinzelte Säulen, die im Regen eher trostlos wirken. Das ist aber eher ein Glücksfall, denn natürlich ist alles eingezäunt und nicht offen. Näher herankommen ist somit nicht drinnen aber anscheinend auch nicht nötig, da zieht es uns doch lieber wieder zurück zum Stadtkern und der Porta de Sant Sebastia. Die ist nun wirklich offen, was heißt dass man unten durchgehen kann.

Inzwischen sind wir kalt und nass genug, um einen erneuten Kampf um einen Busplatz in Erwägung zu ziehen, wollen aber noch eine Schleife durch die Stadt drehen, um die andere Hälfte der schönen Gassen zu sehen. Hier bietet sich sogar ein kleiner Turm an, den man besteigen kann (er kann nicht verschlossen werden, sonst wäre er es bestimmt!)

Oben hat man einen schönen Blick über die hellen Dächer Allcudias, die zwar nicht in der Sonne glitzern aber in ihrem wirren Durcheinander der vielfältigen Gestalten trotzdem das Herz wärmen.

Von dem Turm aus kann man auf der Stadtmauer weitergehen, und wir folgen diesem erhabenen Pfad, mit dem Blick links auf die Ringstraße und die alten Bollwerke, auf die man teilweise auch hinaufsteigen kann, während rechts das pittoreske Allcudia immer wieder neue Blicke auf schiefe Dächer, in kleine Gärtchen und mediterrane Innenhöfe freigibt.

Groß ist der Stadtkern aber nicht, und so ist bald unser Ausgangspunkt erreicht und wir stehen wieder in einer Menschentraube und warten auf den Bus. Tatsächlich kommen wir auch sehr rasch wieder unter, und befinden uns auf der Heimreise. Nicht schlecht wäre es auch, wenn man die richtige Bushaltestelle erkennen würde, aber durch die beschlagenen Scheiben und vorbei an den Menschenleibern sieht man leider nicht viel. Doch selbst dieser letzte Fallstrick wird problemlos gemeistert, und wir fühlen direkt vor unserem Hotel wieder den kalten Regen in unser Gesicht schlagen.

Im nachbarlichen Super-Touri-Markt werden noch Fertiggerichte erstanden und dank unseres Studios, das zwar kein Doppelbett aber eine Kitchenette hat, haben wir gerade leckere Spaghetti genossen und mit vollem Bauch geht es jetzt an die hochwichtige Aufgabe, Ansichtskarten zu schreiben.

Dies vollbracht entscheiden wir uns, noch eine kurze Runde draußen zu drehen. Auf der Basis einer neu erstandenen Karte der Umgebung finden wir heraus, dass es einen Weg um einen See herum gibt, der zwar etwas länger ist aber immerhin einladend aussieht.

Zumindest etwas länger ist er auch wirklich, aber recht bald hüpfen wir zwischen Pfützen und Matsch hindurch. Immerhin hat es aufgehört zu regnen. Den See kann man aber nicht sehen, dafür diverse ausrangierte Möbel. Aber als wir am anderen Ende des Sees zurück in der Zivilisation sind, entdecken wir einige Vergnügenszentren, die gleich zu Airhockey, Elvis-Imitatoren und aufkeimender Gier nach gegrilltem Fleisch genutzt werden. Da die Magengröße aber der Gier nicht gleichkommt, wird dieses Bedürfnis hintan gestellt.

Schließlich machen wir uns auf den Heimweg, aber statt zurück gehen wir weiter, was uns erst auffällt, als der Weg in der Dunkelheit verschwindet und einer der Fahrer dieser Hotelzubringerbusse uns darauf hinweist, dass wir erst mal ein ganzes Stück zu einem Kreisverkehr und dann noch etwa 5 km die Straße entlang müssen. Auf idese Weise ist der Weg tatsächlich etwas länger.

Aber unverdrossen machen wir uns auf den Weg, es weht ein angenehmer, warmer Wind und was könnte da netter sein als ein nächtlicher Spaziergang. Immerhin finden wir heraus, dass es hier bei KFC tatsächlich nur die Beine und nicht eine Mischung aus Beinchen und Flügeln gibt. Das könnte noch einmal wichtig werden.

Allerdings ist – bei aller Romantik – der Weg für einen Abendspaziergang doch sehr, sehr lang, und an dunklen Häusern vorbei auch nicht wirklich aufregend. Umso überraschender, als plötzlich neben uns ein Bus hält. Der Fahrer, der uns zuvor den Weg beschrieben hat, winkt uns herein. Während er sich schelmisch dafür entschuldigt, dass er unsere Zweisamkeit stört, fährt er uns bis vor die Türe. Welche nette Geste!

 

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