Studienreise nach China

Donnerstag, 12. Oktober 2006

Noch ein kurzer Nachtrag zu gestern: Die letzten Worte lauteten fälschlicherweise "Gute Nacht!" So was von daneben. Das Jetlag hat böse zugeschlagen und ich habe mich noch fröhlich einige Stunden im Bett herum gewälzt. Unabhängig davon explodierte der Wecker wieder pünktlich um 6:45 Uhr neben meinem Kopf in einem wilden Gepiepse.

Da hilft alles nichts, aber vier Sunden Schlaf ist besser als gar keiner. Zum Frühstück gibt es heute eine lecker Nudelsuppe, und danach natürlich noch ein kleines Baozi. Schon geht es wieder los zum Unterricht, diesmal über die sozialen Faktoren des Business in China. Die Dozentin hat einige Zeit in England gelebt, und hat einen herrlichen, britischen Akzent. Anhand einiger Fallstudien - selbst hier entkommt man dem Automobilbau nicht ganz - erläutert sie die kulturellen Fußfallen der chinesischen Geschäftswelt. Das klingt nicht nur spannend, es ist es auch. Wenn man bloß nicht so müde wäre.

Aber das Mittagessen ist bald erreicht, und es gibt heute Japanisch. Wieder einmal fühle ich mich darin bestätigt, dass China Japan eindeutig überlegen ist. Chinesen haben kein kaum durchgekochtes Eiweiß mit Tintenfischeinlage erfunden. Auch nicht die "Suppe, die nach Kanalisation schmeckt". Brks. Aber immerhin gibt es ein paar halbwegs genießbare Sachen. Bevor die Sushi-Liebhaber mich jetzt wüst beschimpfen: Ich finde zwar, dass Sushi überbewertet wird, aber in diesem Fall war es kein Sushi. Ja, die Japaner essen auch manchmal etwas anderes. Man will es kaum glauben.

Am Nachmittag gab es Chinesisch für Anfänger. Der Dozent macht eine richtig gute Veranstaltung daraus, und auch ich kann mich gut amüsieren. Obwohl der Lerneffekt relativ gering ist, was mich anbetrifft. Anschließend gibt es noch einen Einführung in chinesische Kalligraphie, und natürlich darf jeder auch selbst malen. Sehr nett.

Dann geht es wieder zurück zum Hotel. Hier wird ein großer Teil des Kurses eine Kopf-bis-Fuß-Massage erleiden, ich selbst verzichte auf diese Exkursion. Stattdessen mach ich mich Hals über Kopf auf, um unnötiges Zeug zu kaufen. Nicht weit vom Hotel ist eine Markthalle, wo man üppig zuschlagen kann. Es gibt jede Menge Klamotten und im zweithöchsten Stock (darüber ist noch eine Fresshalle) auch eine bunte Mischung von Tand, Schmuck, glitzernden Dingen und was sich das Jila-Herz so wünscht. Da ich ihren Geschmack nicht gut genug kenne, kaufe ich natürlich nicht einfach irgend etwas. Wo wir gerade vom Kaufen reden, in China sollte man feilschen.

Gutes Feilschen: Man unterhält sich mit dem DVD-Verkäufer einige Zeit auf Chinesisch, beratschlagt welche Filme gut und welche Schlecht sind, und kriegt dann als Angebot 70% der normalen Ladenpreises. Danach redet man noch ein bisschen drüber und handelt noch einmal knapp 10% aus.

Schlechtes Feilschen: Man findet einen großen Teil der Mitstudenten beim Schneider, üppiges Anzug-Anfertigen ist gefragt. Da schließt man sich doch gerne an. Allerdings setzt man voraus, dass der bereits herausgehandelte günstige Preis der Mitstudenten auch auf einen selbst angewendet wird - was natürlich nicht der Fall ist und einige Nachverhandlungen nach sich zieht. Aber dann klappt es immerhin doch noch.

Hervorragendes Feilschen: Eine Araber oder Türke oder so lässt für seine Freunde ebenfalls Anzüge schneidern. Dabei erreicht er einen Preis, der bei 60% von unserem liegt. Na gut, er kann auch fließend Chinesisch und ist nachher nicht mehr der beste Freund des Schneidereibesitzers. Da muss er durch.

Noch mal hervorragendes Verhandeln: Jochem möchte einen Pullander für seine Freundin, und wir können die Verkäuferin auf fast 50% der ursprünglichen Preises herunter handeln. Die wahre Befriedigung ist, dass sie anschließend sagt, dass sie mich hasst. Und uns zum Abendessen einladen will, falls wir noch etwas drauflegen. Darauf verzichten wir aber.

Lieber suchen wir uns ein kleines Restaurant. Die erste Station ist die Barstraße, aber dort sieht es definitiv zu westlich aus, und Fish&Chips wären doch ein erbärmlicher Ausklang der erfolgreichen Einkaufstour.

Also schleichen wir uns durch die verschiedenen, immer dunkler werdenden Gassen, aber kein einziges kleines chinesisches Restaurant. Doch halt, da vorne ist das nicht ein Nudelladen? Tatsache! Freudestrahlend eilen wir auf ihn zu, der Besitzer - gerade beim Bohnenschälen - lächelt uns ebenso freudig entgegen und sagt schon von Fernem: "Dou mei le, dou mei le!" Was so viel bedeutet wie: "alles ausverkauft". Er lässt sich auch nicht durch intensives Jammern überreden, so bleibt uns also nichts übrig als den nächsten Supermarkt anzusteuern und dort eine Nudelsuppe zu organisieren. Wird auch gut schmecken, und zwar gleich jetzt.

Man lernt dazu, darum heute nicht: "Gute Nacht!" sondern: "Guten Appetit!" Das sollte auf jeden Fall klappen.

 

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