Studienreise nach China
Mittwoch, 11. Oktober 2006
Der Tag beginnt erschreckend früh, bzw. ziemlich spät, um 7 Uhr Ortszeit bzw. 13 Uhr gefühlte Zeit. Hinunter in die Hotelbar: Dort gibt es ein reichhaltiges Frühstücksbuffet mit chinesischen und westlichen Köstlichkeiten. Einige Baozi (jupp, die hatte ich mir wirklich schon lange gewünscht) später treffen sich die ganze Meute am Bus. Die ganze Meute? Nein, ein rebellischer Student beugt sich dank seines Zaubertranks der chinesischen Reiseplanung. Vielleicht auch nur, weil er seinen Wecker überhört hat.
So erreichen wir mit leichter Verspätung die Qinghua Universität, wo wir den gesamten Vormittag lang über die Chancen und Risiken des Chinesischen Marktes aufgeklärt werden. Über die chinesische Didaktik muss man eigentlich nicht viel schreiben, und wenn, dann oft auch nichts Gutes. Aber in diesem Falle konnte Professor Gao überzeugen. Er bindet doch tatsächlich uns in seinen Monolog ein, sodass - oh Schreck - ein Dialog entsteht. Da ist es auch nicht so schlimm, das der Computer sich weigert, auf die entsprechenden Tasten zu reagieren.
Das Mittagessen ist vollkommen vegetarisch, und Frau Li kündigt uns an, dass es nicht schmecken wird. Das scheint so eine Gewohnheit von ihr zu sein: Uns darauf hinzuweisen, dass es uns nicht gefällt, nicht schmeckt, zu unordentlich ist oder sonst wie missfällt. Hinterher ist alles aber trotzdem super. So auch das vegetarische Essen: Man hat wahrlich Mühe, zu glauben, keine Wurst und Fleisch zu verzehren. Da könnte sich unsere Mensa mit ihrem Tofu-Gyros eine Scheibe von abschneiden. Eine sehr, sehr große Scheibe.
Der Nachmittag wird mit einem Abriss über die chinesische Geschichte - interessant, sie einmal aus der chinesischen Perspektive zu hören, da klingt alles doch etwas anders - und einer Führung über den Campus der Qinghua Universität gefüllt. Bei der Führung werden wir von chinesischen Studenten begleitet, mit denen wir uns nett unterhalten dürfen / können / sollen, so ganz ist das nicht klar. Ist aber auch nicht so wichtig, immerhin bietet sich im Schatten ehemaliger Palästgärten, die jetzt zur Uni gehören, reichlich Gelegenheit für philosophischen Diskurs.
Direkt neben den ehemaligen Palastgärten hat das Rektorat seine Büros. Ehrlich gestanden, das Gebäude hätte ich mir als Rektor auch ausgesucht......
Gegen Abend fahren wir weiter zur Wangfujin Straße, eine glitzernden, schillernden, gleißenden, augenabtötenden Shoppingmeile. Hier dürfen wir alleine herum schlendern, ich stürze mich in einen Buchladen, bin aber etwas enttäuscht von der Auswahl. Naja, macht nix, nur hat sich die ganze Gruppe inzwischen geteilt und meine Fraktion ist etwas klein. Sie besteht aus mir. Dass sich wieder niemand für einen Laden voller chinesischer Bücher interessiert..... Dabei gibt's da auch westliche. Wahrscheinlich bin ich einfach zu schnell losgelaufen.
Wenig später treffe ich in einer weniger erleuchteten Seitenstraße kurz auf Carsten, der dann aber auf mysteriöse Weise gleich wieder verschwindet. Vielleicht liegt es nicht an meinem Eifer, sondern an meinem Deo? Aber immerhin kann ich einfach in eines der kleinen Restaurants gehen und weiß, was ich mir dort bestelle! Haha! Nehmt dies! So genieße ich himmlische Lazi Jiding - Hühnerwürfel in chinesischer Sauce, auf die habe ich mindestens genauso sehnsüchtig gewartet wie auf die Baozi. Gesättigt schlendere ich noch etwas durch die Gassen, treffe natürlich sofort auf Mitstudenten, die hungrig sind. Tja, schlechtes Timing, würde ich sagen.
Nach einiger weiterer Schlenderei treffen wir uns wieder und fahren noch mal zu dem Gebiet, durch das wir gestern mit den Rikschas gerauscht sind. Jetzt, bei Dunkelheit, haben hier diverse Kneipen geöffnet, und wir schlendern zwischen pittoreskem Seeufer und grotesker Leuchtreklame entlang. Tatsächlich sind die Bars sehr interessant eingerichtet. Ein vietnamesisches Restaurant gewinnt, wo sehr leckere Dinge aufgetischt werden. Dazu ein fabelhaftes Ambiente mit wasserfreien Glitzersteinflüssen, Rikschasitzen und rustikalem Bambus/Holz Look lädt zu gemütlichem Verweilen ein.
Das lassen wir aber bleiben, zu viel gibt es zu entdecken und gleich nach dem Essen widmen wir uns den diversen Kneipen. Diese sind so nett, dass wir sogar die Abfahrtszeit des Busses bewusst verstreichen lassen, um uns noch ein weiteres Stündchen einem Qingdao Bier zu widmen. Nur wo? Nachdem wir in Wahl Nr. 1 in eine kleines Separee verfrachtet werden, wo bereits der Sekt kaltgestellt ist, bleiben wir doch lieber in Wahl Nr. 2, dem "Sex and da City", in dem Unterwäschemodels auf Großbildleinwand einherstaksen und wir wieder in einem Separee sitzen. Immerhin sind die Stühle hier weicher, und es steht auch kein Sekt herum.
Die Toilette hat endlich mal wieder einen Stinkeeimer - sprich, die Wasserleitungen hier würden es nicht vertragen, wenn man das Klopapier mitspülen würde, darum steht ein Mülleimer für eben jenes neben dem Pot. Das kenne ich doch. Außerdem gibt es nur ein Klo, aber das macht nichts, da kann man sich in der Schlange doch gleich noch mit einer netten Frau aus der Dominikanischen Republik unterhalten.
Schließlich brechen wir aber doch auf, immerhin geht es morgen schon wieder um 8 Uhr los. Und ich frage mich gerade, warum ich jetzt noch diesen dummen Bericht tippe, anstatt mir den dringend nötigen Schlaf zu holen? Es gibt keinen Grund, darum: Gute Nacht!




