Studienreise nach China
Dienstag, 10. Oktober 2006
Wir landen pünktlich gegen 12 Uhr, und nach der Vielzahl von Kontrollen, durch die man so durch muss, kommen wir auch an. Das heißt, fast. Einige der Kontrollen dauerten für einige nämlich so lange, dass auf den Gepäckbändern der Flug schon nicht mehr angeschrieben war. Dementsprechend mussten sie alle Bänder nach ihren Koffern absuchen, was die Sache doch deutlich verzögerte. Immerhin wurde keine gefilzt.
Einem bunten Seidentuch, getragen von Frau Li, die für unseren Aufenthalt mitverantwortlich ist, folgend erreichen wir den kleinen Bus, in dem unser Gepäck verschwindet, und dann den großen Bus, in dem wir verschwinden. Während der Fahrt erzählt uns Frau Li allerlei Wichtiges und Nicht-so-Wichtiges. Offensichtlich hielte sie es für unhöflich, uns nicht zu unterhalten, und so redet sie die ganze Busfahrt hindurch. Aber das Hotel ist bald erreicht, das Zimmer bezogen, und die Dusche sofort angeschmissen. Am liebsten würde man sich selbst auch schmeißen, nämlich aufs Bett. Aber schon geht es weiter: Eine Rikschatour durch die alte Stadt ist angesagt.
So windet sich nach kurzer Busfahrt und Toilettenpause ein Drache durch Beijings schmalen Gassen. Ein Drache bestehend aus einer Vielzahl rot bedachter Rikschas, die sich in gewagten Manövern durch die engen Gassen winden. Bis zum Trommelturm fahren wir, den wir ersteigen wollen. Die Stufen führen schnurgerade in die Höhe, anders als die Wendeltreppe des Stephandoms. Aber auch dieses Mal sind es einige Stufen, die fies hoch sind. Aber der Turm ist erreicht, und wir werden mit einer Vorführung der Trommler belohnt. Mit ihrem Schlagen haben sie früher angezeigt, dass die Stadttore morgens geöffnet und abends geschlossen werden.
Von der Balustrade des Trommelturms aus hat man auch einen beachtlichen Blick über Beijings Norden, und vor allem auf die alles einhüllende Dunstwolke. Die steile Stiege hinab geht es zurück zu den Rikschas und weiter durch die engen Gassen. Es ist schon erstaunlich, dass in diesem Viertel, dass extra für Touristen erhalten wird tatsächlich noch ein normales Leben stattfindet. Wäscheleinen schaukeln im Wind, ein alter Mann hämmert ein Blechrohr zurecht. Einige schauen gar nicht auf, als die 15 Rikschas an ihnen vorbei rattern.
Wir halten wieder, diesmal um das Haus einer normalen Familie zu sehen. Es ist nicht groß, ordentlich eingerichtet wenn auch nicht luxuriös. Hier lebt eine Familie bereits seit vier Generationen und über 100 Jahren. Einst waren diese Mandschu für die Kornlieferungen in die verbotene Stadt verantwortlich, heute arbeiten die Kinder als Lehrer, in Fabriken oder als Beamte. Eigene Küchen und Bäder haben sie, die Toiletten teilt sich der gesamte Block. Die Familie wohnt immer noch zusammen, in den Häusern, die einen Hof umschließen sollten. Auf diesem steht derzeit eine Notunterkunft, die nach dem Erdbeben von 1976 errichtet wurde und seither vermietet wird. Aber bald soll das Haus abgerissen werden, um dem klassischen Hof mit Goldfischteich, Bäumen und Philosophensteinen Platz zu machen. So will es die Regierung, die anscheinend großen Wert auf die Erhaltung dieser letzten Überreste des ursprünglichen Beijinger Stadtbilds legt.
Die Rikschas tragen uns weiter, millimetergenau an entgegenkommendem Verkehr, harmlos am Rand stehenden Passanten und anderen Rikschas vorbei. Kurven werden in rasantem Tempo geschnitten, alles mit traumwandlerischer Sicherheit.
Wir erreichen eine Markthalle, über die wir eine knappe halbe Stunde schlendern. Verschiedenartige Gemüse, Gewürze und Obst bedecken die Tische, im hinteren Bereich auch ein Bereich für Kleidung, Töpfe und Firlefanz. Der Markt wird flankiert von Fressständen, und - Freude, oh Freude - seit drei Jahren genieße ich zum ersten Mal wieder echte Baozi.
Doch das ist nur ein Vorgeschmack, den es geht weiter zu einem Restaurant innerhalb des Tiantan Parks, in dem wir stark westlich angehauchte Speisen serviert kriegen, die aber dennoch allem überlegen sind, was einem die deutschen Chinarestaurants servieren.
Rundum wird kräftig zugeschlagen und sogar die Suppe verschwindet vollständig. Wer hätte das nicht gedacht? Frau Li hätte es nicht gedacht...
Der Bus bringt uns zum Hotel, und nach 32 Stunden mit nur höchst spärlichem Schlaf im Flugzeug falle ich ins Bett. Um diesen Text zu tippen. Schön blöd, oder?




