Schwarzwald - Wanderung
Donnerstag, den 10. Juli 2003
Abfahrt nach Pforzheim, der Unglaube darüber, dass es jetzt wirklich losgeht und dass wir wirklich 200 km quer durch den Schwarzwald bergauf und bergab gehen wollen, erreicht sein Maximum. Doch auf dem Bahnsteig treffen Nils und ich mich, und der Zug wartet auch schon. Tickets haben wir auch, schöne Baden-Württemberg-Tickets, mit denen bis zu 5 Personen pro Ticket fahren können. Wir haben 2, also genug für 10 Personen. Der Mann von Welt versteht es, zu viel zu bezahlen... Immerhin steigt in Offenburg Katja zu, jetzt sind wir schon drei Personen, die für 10 bezahlt haben.
In Pforzheim angekommen entschließen wir uns, den nächsten Zug nach Birkenfeld zu nehmen, denn dort soll es einen Campingplatz geben. Dieser fährt erst in zwei Stunden, genug Zeit also, das überzählige Baden-Württemberg-Ticket noch weiter zu verkaufen. Denken wir. Aber der Pforzheimer Bahnhof ist kein guter Ort zum Handeln - fast niemand, der hier durchkommt, möchte in einen Zug steigen. Kurz vor knapp gelingt es doch noch, das Ticket zum halben Preis loszuschlagen. Na also.
In Birkenfeld angekommen breitet sich Ratlosigkeit aus - wie soll man bloß den Campingplatz finden, ohne eine Ahnung von diesem Ort zu haben? Einige Eingeborene helfen uns weiter: "Der Campingplatz ist total Scheiße, geht da bloß nicht hin!" Man erklärt uns, wo es eine schöne Wiese am Fluss gibt, auf der man auch gut kampieren könne und zudem nichts zahlen müsse. Gerne nehmen wir das Angebot an, zumal uns auch noch die Wasserflaschen aufgefüllt werden. Sehr nette Eingeborene also, und genau so xenophob, wie man das von einem Eingeborenen erwartet: "Auf dem Campingplatz sind nur so Asylanten und so'n Pack, total dreckig, ihr wisst schon..."
Die Wiese übertrifft allerdings die Erwartungen: Eigentlich hätten wir ja noch ein Stückchen laufen können, so ein Appetizer auf den Weg, aber der Platz ist zu schön. Also flugs die Zelte aufgeschlagen, die Löcher in der Plane des neuen Zeltes genäht, gebadet, zu Abend gegessen und noch rasch Bier gekauft. Nun ja, rasch ist etwas übertrieben - es wurde eine Odyssee bis nach Pforzheim - und das auch nur, um genau eine Minute nach Ladenschluss einzutreffen. Immerhin war auf dem Weg so ein Fußballvereinsheim, da kann man sicher auch ein paar Flaschen kaufen. Kann man nicht, weil alle gerade mit einer Vorstandsversammlung beschäftigt sind und uns nur stark genervt anstarren, statt uns kühles Nass anzubieten. Aber fünf Meter weiter ist ein zweites Fußballvereinsheim, die offensichtlich keine Problemsitzungen abhalten müssen - immerhin wird hier Fußball gespielt und Getränke werden verkauft. Damit ist der Abend gerettet.
Freitag, den 11. Juli 2003
Am Morgen wollen wir recht früh aufstehen - ich meinte mich an eine Zeit wie 6 Uhr erinnern zu können. Die anderen können das nicht, und reagieren nur sehr grummelig auf mein fröhliches "Guten Morgen" um zehn vor sechs. Warum bloß? Um 9 Uhr sind alle schon viel fröhlicher, und nach einem ausgiebigen Frühstück (der Aldi ganz in der Nähe hatte jetzt offen) konnte die Wanderung losgehen - und gleich zum Auftakt mit einer schönen Flussdurchquerung. Dann wurde das Ziel klar gesteckt: Auf die Büchenbronner Höhe sollte es gehen. So leicht war die aber gar nicht zu finden.
Aber endlich ist er erreicht, eine schöne Stahlkonstruktion führt in schwindelnde Höhen, und so bleibe ich nicht zu lange dort. Aber als Rast eignet sich die Kuppe ganz hervorragend, immerhin gibt es Schatten und die Tage sind ja recht heiß.
Durch Engelsbrand und Langenbrand geht es weiter - im Prinzip. Aber da das Equipment nicht ganz optimal ist, geht es zwar durch Langenbrand und nicht mehr weiter. Merke: Der Rucksack ist dein Freund. Investiere besser zu viel als zu wenig Geld in ihn. Sonst könnte er dich mit fiesen Rückenschmerzen plagen.
So schlimm ist die vorgezogene Rast aber nicht, da es am Ende von Langenbrand einen schönen Campingplatz gibt, und sogar einen Wanderer-Rabatt von ca. 30%. Also genießen wir den schönen Abend und massieren die Füße, die eine solch gemeine Behandlung gar nicht gewohnt sind.
Samstag, den 12. Juli 2003
Da der Rucksack eindeutig nicht fernwanderungstauglich ist, soll er ersetzt werden. Das geht am besten in einem Sportgeschäft, und im nächsten Ort gibt es zufällig auch ein solches. Dumm nur, dass es bis dort noch ein gutes Stück Weges ist, und an einem Samstag schließen solche Geschäfte ja auch recht zeitig. Gemein, oder? Also schnell aufgeladen und losgestürmt - aber natürlich nicht auf das Frühstück verzichten, wo man doch im Ort eine gute Bäckerei hat!
Der Weg zieht sich quer durch den Wald dahin, um dann schließlich bei der Charlotten Höhe, einer ehemaligen Lungenheilstätte, kurz aus dem Wald hervorzutreten. Dieses Gebäude, dass seinen viktorianischen Ursprung nicht verbergen kann, liegt noch gut erhalten aber mit abblätterndem Putz in der Wildnis - gut, gegenüber gibt es noch ein Haus mit fies kläffendem Hund. Aber dennoch die ideale Location für ein Call of Cthulhu - Life Abenteuer. Falls ich so etwas mal organisieren möchte, weiß ich also schon, wo.
Schließlich ist Calmbach, der verheißungsvolle Ort, in dem es nicht nur ein Sportgeschäft sondern sogar ein Dorffest gibt, erreicht. Blitzschnell wechseln einige Euro den Besitzer, und Nils erfreut sich einer komplett neuen Ausrüstung. Direkt vor dem Bäcker und in den Aufbauarbeiten für das Dorffest wird umgeräumt, und die Post liegt sogar am Wege, sodass einer Heimsendung der nun überflüssigen alten Ausrüstung nichts im Wege steht - nicht mal die Zeit, denn wir haben diesmal Glück und sind eine Minute vor Schließung der Post da.
Von Calmbach nach Bad Wildbad ist es nun nur noch ein kleiner Hopser, und da wir ja schon so lange unterwegs sind und es auch ganz furchtbar heiß ist und wir ja ganz schrecklich leiden, besteigen wir die Bergbahn, die uns bei einer Steigung von mehr als 60% sicher auf den Sommerberg bringt. War aber wirklich eine gute Idee, denn diesen Anstieg in der Mittagshitze hätte wohl kaum jemand ohne verdorbene Laune überlebt.
Nach dieser Fahrt schreiten wir fröhlich aus, zwar etwas durch die 72 Wege in alle Richtungen verwirrt, aber wen stört das, wenn das Ziel irgendwie angeschrieben ist. Der Sommerberg ist ein Naherholungsgebiet, und bei diesem schönen Wetter treiben sich hier an einem Samstag Nachmittag auch sehr viele Leute herum.
Zum Beispiel eine ganze Schulklasse direkt an der Grünhütte. Diese hat unglaublich viel Spaß daran, sich gegenseitig mit Wasser nass zuspritzen, was uns prinzipiell nur auf dem Weg zum Wasserhahn gefährlich wird - dann aber sehr.
Doch hier wollen wir natürlich nicht bleiben, weiter zieht es uns zum höchsten Hochmoor Deutschlands, dem Hohloh. Das hat jetzt nichts mit Star Treck zu tun, wo es ja homophone Decks geben soll, sondern ist tatsächlich ein ziemlich ausgetrockneter See mit Moor drum herum. Nicht viel weiter erreichen wir die Prinzenhütte, wo wir unser erstes, wirklich wildes Biwak aufschlagen. Nach einem guten Abendessen freut uns die Erkenntnis, dass wir so langsam unsere Rucksäcke leicht futtern.
Sonntag, 13. Juli 2003
Gähnend schälen wir uns aus unseren Zelten und Schlafsäcken. Der heutige Tag fängt gut an: Die Wasservorräte sind knapp, und eine morgendliche Reinigung muss ausfallen. Aber wofür gibt es diese schönen Duftzerstörer, genannt Deos? Ausgiebige Nutzung derselben ist auch eine Form der Gewichtsreduktion (nicht das Eigen-, das Rucksackgewicht meine ich).
Lange zieht sich der Weg durch den Wald, mit einigen schönen Blicken an den Stellen, an denen Sturm Lothar eine Schneise in den Wald gerissen hat. So erreichen wir Besenfeld, und stellen einige Spekulationen über den Ursprung seines Namens an.
In Besenfeld entscheiden wir uns auch, dass es mal Zeit für ein richtiges Mittagessen sei. Hotel Sonnenblick ist eine sehr edle Herberge, und das ist natürlich genau das richtige für drei Wanderer, die nicht nur völlig verschwitzt sind, sondern am Morgen auch keine Möglichkeit hatten, sich zu waschen und deshalb auch nicht einsahen, warum man die Klamotten vom Vortag wechseln sollte.
Doch die freundliche Bedienung teilt unsere Bedenken nicht. Bei einer ausgiebigen Toilettenbenutzung fällt auf, dass das Hotel über einen eigenen Swimmingpool verfügt. Wo ein Pool ist, sind auch Duschen, und so wird nach erfüllendem Mahle noch gefragt, ob man diese vielleicht benutzen könne. Kann man. Also erfreuen wir uns wieder einer recht hohen Sauberkeit - was praktisch ist, und Katja erfreut sich einer geflickten Isomatte, was sehr praktisch ist, und einige Klamotten wurden auch gewaschen, was nicht unpraktisch ist.
Weiter soll es gehen, auf Freudenstadt zu. Doch ach, doch ach, verloren ging die Uhr! Also gehen Nils und Katja noch mal ein Stück zurück, um diese zu suchen.
Schließlich wird die Suche als hoffnungslos abgebrochen, und der Weg langsam (ein gutes Essen und eine Dusche können den Kreislauf deutlich senken) wieder aufgenommen. Das dumme ist nur, dass es vor Freudenstadt keine tollen Hütten mehr gibt. So laufen wir, und laufen wir, und laufen wir (das wiederholt sich jetzt etwas).
Als schließlich ein möglicher Nachtplatz erreicht ist, ist es auch nicht mehr weit bis zu einer eingezeichneten Hütte. Eine kurze, demokratische Abstimmung entscheidet, dass wir das Stück auch noch gehen. Dummerweise ist der gefühlte Weg sehr viel länger - denn die Landschaft ist eintönig, die Füße müde, und während die Unlust mit jedem Schritt wächst sinkt die Geschwindigkeit. Es ist schon fast dunkel, als wir die Hütte erreichen und mit letzter Kraft die Zelte aufbauen. Die Hochrechnung besagt, dass heute nicht nur Wäsche gewaschen und Isomatten geflickt wurden, sondern auch 31 Kilometer zurückgelegt wurden.
Montag, den 14. Juli 2003
Dementsprechend soll der heutige Abschnitt etwas kürzer werden. Nach Freudenstadt ist es jetzt auf jeden Fall nicht mehr weit, und dort wird auch eingekauft. Gleich hinter Freudenstadt gibt es auch den Olgabrunnen, sodass auch unsere Wasservorräte wieder aufgefüllt sind. Weiter zieht es uns über Berg und Tal und quer durch den Wald als wir plötzlich etwas entdecken, was wir so schon für inexistent gehalten hatten: Ein Fluss! Ein Fluss, der Wasser führt, um genau zu sein. Da auch noch eine Schutzhütte vorhanden ist, wird ausgiebig gerastet, zu Mittag gegessen und gebadet, was wir praktischerweise genau in dem Moment taten, als niemand vorbeikam (danach zogen wahre Heerscharen an uns vorüber).
So erfrischt war die Stimmung natürlich wieder ganz oben, und auch der sogleich folgende recht steile Anstieg konnte uns nicht die Laune verderben. Dieser Weg war kaum mehr ein Pfad, und nachdem wir einige Zeit auf noch halbwegs gangbarer Wegstrecke unterwegs waren, blieb schließlich nur ein sogenannter Naturweg übrig. Naturweg bedeutet sehr viel Natur, sehr wenig Weg. Mit Sicherheit also einer der schönsten Abschnitte, in dem man sich wirklich zwischen Busch und Baum hindurchwinden musste. Insofern hatte unser Reiseführer also Recht gehabt.
Nicht so ganz richtig lag er indes mit dem Zaun, dem wir folgen sollten, denn der war inzwischen weg. Nicht so ganz lagen wir richtig, als wir den Grenzstein als Steinsäule interpretierten. So halten sich die Ursachen für unsere Verirrung ziemlich die Waage, was uns aber auch nicht viel nützte. Denn wir folgten nicht der Route, sondern einem Weg der Waldarbeiter, der uns direkt in eine Sturmschadenlichtung Lothars führte, die noch nicht geräumt war. So kämpften wir uns einige Zeit durch Berge von alten Ästen, versteckten Baumstümpfen und allerlei hinderliches Gestrüpp, bis wir schließlich einsahen, dass es hier nicht weitergehen könne. Diese Erkenntnis traf uns umso härter, als wir ja die unwegbare Lichtung bereits völlig durchquert hatten. Also mussten wir uns wieder zurückkämpfen. Immerhin war der richtige Weg mangels weiterer Optionen dann trotzdem bald gefunden, und so konnte es weiter gehen.
So zogen wir mit der untergehenden Sonne weiter, auf die Emilshütte zu, und entschieden uns vor dieser dazu, auch gleich weiter zur Salzlecke zu laufen. Doch auch diese Hütte bot uns keine gute Unterkunft - direkt an einer Kreuzung von fünf Waldwegen gelegen bestand der Boden nur aus Splitt und Kies. Die nahen Wiesen wiesen eine zu starke Neigung auf, um als Rastplatz zu dienen.
So zog jeder trotz der Erschöpfung noch ein Stück in den Wald hinein, und Nils fand tatsächlich einen möglichen Rastplatz. So schlugen wir unsere Zelte zum ersten Mal nicht neben einer Schutzhütte sondern richtig mitten im Wald auf. Gekocht wurde auf der Fahrspur eines Unimocs, was dem Geschmack keinen Abbruch tat.
Dienstag, 15. Juli 2003
Zum Aufwachen war diesmal kein Wecker nötig: Das Dröhnen eines Lasters, der den Weg dahinrumpelte, reichte völlig aus. Nils bekam sogar noch rechtzeitig seinen Kopf aus dem Zelt, um die Waldarbeiter fröhlich winken zu sehen - offensichtlich nehmen sie es nicht so streng mit dem Verbot wilden Campens.
Indes, die Erschöpfung der langen Märsche der Vortage fordert ihren Tribut, und wir zahlen ihn gerne. Immerhin sind die Busse gar nicht so teuer. Bis Schiltach müssen wir aber noch laufen. Doch das sollte nicht so schwierig sein. Auch wenn es erst mal ziemlich bergauf geht, nämlich auf den Zeisenkopf. Dort hat es auch den schönsten bisher gesehenen Aussichtsturm. Gut, gestern war er unerreichbar, und heute wäre eine Rast hier definitiv zu früh, aber beim nächsten Anlauf wird hier garantiert halt gemacht: Ein dreistöckiger Holzturm, der nicht abgeschlossen ist (im Gegensatz zu all den Schutzhütten, die teilweise nicht einmal Vordächer bieten). Von innen kann man aber Fensterläden und Türe verschließen, sodass man vor den Unbilden jeglicher Witterung perfekt abgeschirmt ist.
Wie gerne würden wir hier rasten, aber so eine Busfahrt mit anschließendem Aufenthalt auf einem Campingplatz ist eben auch sehr verlockend. Prospekte gibt es auch im Turm, und so finden wir heraus, dass Schiltach einen solchen Platz hat. Wenn das kleine Schiltach einen Campingplatz sein eigen nennt, dann hat St. Georgen erst recht einen, versichert der kluge Stefan.
So ziehen wir nach Schiltach, und finden auch neben der Bushaltestelle eine Bäckerei, in der wir uns mit etwas Naschwerk versehen. Alsbald wird uns klar, dass uns eine wahre Bus-Odyssee bevorsteht. Denn wir wollen nach Süden, und der Schwarzwald ist in der Nord-Süd-Achse überhaupt nicht erschlossen. So müssen wir zunächst nach Schramberg, der Busfahrer selbst dreht an der Endstationen mehrere Runden von Vorsteher zu Busfahrplänen und anderen Informationsquellen, und doch will es ihm nicht so recht gelingen, uns die nächste Etappe näher zu bringen. Es sei denn, wir warten hier drei Stunden. Machen wir nicht, wir wählen einen Bus, der uns unserem Ziel zumindest etwas näher bringt. Eine hervorragende Wahl, denn der Bus fährt auch zum Schwimmbad des Nachbarortes. Vergesst, was ich jemals in einem Chinabericht über überfüllte Busse geschrieben haben könnte. So viele Kinder wie in diesem Gefährt habe ich schon lange nicht mehr gesehen - und noch nie in einem Fahrzeug.
Aber auch diese Malaise ist endlich durchgestanden, und wir können beruhigt auf den nächsten Bus warten - der soll ja auch in einer Stunde kommen. Ein Blick auf die Uhr, als St. Georgen erreicht ist: Ja, knapp 30 km Luftlinie innerhalb von viereinhalb Stunden - zu Fuß wären wir langsamer gewesen. Aber das macht nichts, denn St. Georgen hat ja einen Campingplatz. Wir müssen nur noch in die Touristinfo und fragen, wo der ist. Die Auskunft ist auch leicht zu verstehen: St. Georgen hat keinen Campingplatz und hat auch nie einen gehabt. Seltsam, dieses mörderische Glitzern in Katjas und Nils' Augen, wenn sie den kleinen Stefan angucken......
Aber die Frau in der Touristinfo ist redlich bemüht, uns noch zu helfen. Rasch ruft sie bei einem Naturfreundehaus an, dass an unserem Weg liegt. Dort ist gerade eine Schulklasse untergebracht, man müsse erst nachfragen, ob es für die in Ordnung geht, wenn noch ein paar Camper kommen und die sanitären Anlagen mitbenutzen. Sind sie, und so laden wir unser Gepäck wieder auf und stapfen los, denn heute wollen wir ja nur ganz kurz laufen. Na und, zum Naturfreundehaus sind es ja nur zwei Stunden. Aber St. Georgen hat einen Campingplatz.
Die Aufnahme im NFH (ich kürz jetzt mal ab) ist überaus herzlich. Karin (die Betreuerin) kennt sogar Katja aus ihrer Freiburger Zeit - zumindest vom Sehen, und Ronja (der Hund der Betreuerin) gehört zu den wenigen Angehörigen seiner Spezies, die ich leiden kann. Außerdem gibt es hier Duschen!
Alsbald sind die Zelte errichtet und die Wanderer erfrischt und sauber, da hindert uns nichts mehr daran, mit Karin in der nahen Kneipe ein Bierlein zu trinken, auf das wir sie selbstverständlich einladen. Als wir zurückkehren ist auch die sonst sehr neugierige Schulklasse entschlummert, sodass auch wir ungestört nächtigen können.
Mittwoch, 16. Juli 2003
Nach einem opulenten Frühstück, dass Karin spendiert, machen wir uns wieder auf den Weg - sie zeigt uns sogar noch einen Abkürzung mit der wir ein paar Schritte einsparen können.
Es geht durch den Wald, vorbei an einigen seltsamen Steinrahmen - ein alter Galgenplatz, wie wir unserem Führer entnehmen können. Beim Stöcklewaldturm begegnen wir einer Gruppe wieder, die uns schon am Morgen aufgefallen ist. Die wollen von St. Georgen nach Freiburg laufen, und haben dementsprechend auch viel weniger Gepäck dabei. Kein Wunder also, dass die viel schneller laufen als wir.
Endlich erreichen wir Furtwangen, obwohl es anstrengend steil bergab geht. Furtwangen ist eine sehr nett gelegene Stadt, die von zwei überaus hässlichen Studentenwohnheimen überragt wird. Aber das bemerken wir erst mal gar nicht, denn wir legen die letzten Meter rennend zurück: Zum ersten Mal seit Tagen regen, und gerade als wir uns untergestellt haben, wandelt sich der Regen in einen schönen, heftigen Wolkenbruch. So heftig und schnell er gekommen ist, so rasch ist er auch vorüber. Zwar zweifeln wir noch etwas, ob das Wetter halten wird, aber große Sorgen haben wir eigentlich nicht. Denn innerhalb kürzester Zeit hat die Sonne schon alle Wolken aufgelöst.
Wir laufen noch einmal an der anderen Gruppe vorbei, und sind uns ziemlich sicher, dass wir denen nicht mehr begegnen werden. Nicht, weil wir jetzt an Tempo soviel zugelegt hätten, aber die gehen sicherlich in eine andere Richtung weiter.
Wir steigen aus dem Loch Furtwangen wieder steil in die Höhe, auf teilweise sehr netten Pfaden. Aber endlich ist es geschafft, und wir folgen der Hochebene, unter der B500 hindurch hinein in ein weiteres Gewitter. Dieses verläuft aber so glimpflich, dass wir es eigentlich nur als vereinzelte Tropfen bemerken. Nicht so schlimm also, eigentlich nicht mal ein Gewitter. Aber immerhin Feuchtigkeit von oben, eine wahr Rarität auf unserer Wanderung.
So erreichen wir die kalte Herberge, ein Gasthaus direkt an der B500 gelegen, an der wir unsere Wasservorräte auffüllen, bevor wir weiterziehen. Die Erholung des vorigen Tages hat nicht ganz gereicht, und es wird wieder einmal mühsam, sich für die folgenden Meter zu motivieren. So sind wir auch freudig überrascht, dass wir nach nicht allzu langer Zeit einen Grillplatz entdecken, auf dem es auch eindeutig genug Raum zum Zelten gibt.
Abgesehen vom Bänken mit Tisch und Grillstätte gibt es auch einige Hocker, die nicht wirklich bequem aussehen und seltsame Einkerbungen und Aufsetze besitzen. Wir stören uns nicht daran, ein Lagerort ist gefunden und der Gaskocher ausgepackt.
Doch Nils wundert sich über den nahen Holzstapel. Der ist so komisch aufgebaut, fast als hätte er einen Eingang. Als Rollenspieler ist man natürlich verpflichtet, der Sache nachzugehen, und sie da, der Holzstapel hat einen Eingang! Hervorragend getarnt steht hier mitten im Wald eine Hütte. Wer die wohl errichtet haben mag? Knacken wir doch mal das Schloss und gucken nach. OK, hier haben wir ein normales Klinkenschloss, Klinke wahrscheinlich innen, von außen nur ein Loch, in das man wahrscheinlich einen Stab oder Ähnliches stecken muss. Brauchen wir nicht, wir drücken den Riegel direkt herunter.
Die Türe bleibt zu. Wahrscheinlich noch ein weiterer Riegel, ja tatsächlich, ein richtig fetter Metallstab ist im Weg. Da rechts, dieses Holz sieht doch nicht ganz echt aus, das kann man ja nach oben drehen und darunter ist auch das Gegenstück zu dem Riegel. Mit einem kleinen Ast ist der schnell aufgeschoben. Nochmals das Schnappschloss geöffnet - keine Reaktion. Herrje, da oben ist ja noch ein solcher Riegel. Da kann man sogar den ganzen Balken wegnehmen, der mit Magneten an Ort und Stelle gehalten wird und uns vor eine für Rollenspieler unlösbare Aufgabe stellt - ein schmuckes Zylinderschloss. Mit solchen Dingen haben Phexgeweihte nicht zu kämpfen.
Die Hütte hat sogar getarnte Fenster und eine Hintertür, die aber alle so hervorragend gesichert sind, dass ein Eindringen unmöglich wird. Wer mag sich so viel Mühe gegeben haben, die Tarnung ist liebevoll und bis ins feinste Detail durchdacht. Die lokale Dorfjugend, die hier ihren Partykeller eingerichtet hat? Waldarbeiter, die zu wenig Arbeit haben? Satanisten, die ein finsteres Versteck für grausige Rituale brauchen? Ohne Gewaltanwendung kommen wir in die Hütte nicht hinein, also werden wir das Geheimnis wohl nie erfahren.
Oder doch?
Bald darauf kommt nämlich erst ein Auto, parkt, ein weiteres Auto, parkt, man begrüßt sich und uns. Modellflieger haben hier ihre Übungswiese, und zusätzlich zu einer netten Abendunterhaltung bekommen wir auch noch eine Flugschau mit Helikopter und Flugzeug. Faszinierend! Das erklärt nun endlich, wer die Fähigkeit, Geduld und Verliebtheit ins Detail hat, um eine solche Hütte zu bauen. Außerdem erklärt es die seltsamen Hocker: Das sind Gestelle zum Ablegen der Flugzeuge, auf denen man diese auch zusammen bauen kann.
So ist das Rätsel gelöst, das Essen hat gemundet, die Flugschau war toll, und wir wollen gerade in unsere Zelte krabbeln als noch ein Gewitter losbricht.
Nicht nur die in meinem Zelt genähte Stelle hält nicht, was sie verspricht, auch an einigen anderen Stellen leckt Wasser herein. Aber erstaunlich wenig! Ein braves Zelt, dafür, dass es nur 10 Euro gekostet hat.... Endlich ist es wieder still draußen, ich wische mit meinem Handtuch das eingedrungene Wasser auf und versuche mich von den feuchten Stellen fern zu halten. Geht auch ganz gut, zumindest bis das zweite Gewitter kommt, und das kommt auch....
Donnerstag, 17. Juli 2003
Der Morgen wird leicht verkatert angegangen: Die Isomatten nass, die Schlafsäcke klamm, geschlafen hat wohl niemand so richtig gut. Aber wenigstens meinen es die Götter heute wieder besser mit uns, denn die Sonne vertreibt den Unmut recht schnell wieder, und mit der angenehmen Erinnerung an versteckte Hütte und Flugschau im Hinterkopf stapfen wir auf Neustadt zu. Das ist auch bald erreicht und durchquert, allein, der steile Abstieg ist wieder etwas unangenehm.
Noch unangenehmer ist der Aufstieg auf der anderen Seite. Nils bringt zum wiederholten Male seinen Vorschlag von der die Berggipfel verbindenden Brücke an. Es geht aber auch finster steil berg auf, und man ist der Erschöpfung zum Umfallen nahe, als man endlich den Aussichtsturm Hochfirst erreicht. Nach längerem Ausspannen kann man dort sogar mal die Aussicht genießen, die wirklich schön ist. Katja legt sich auch in die Felsformationen hinein, was sie selbst für sehr angenehm hält - Nils und ich sind lieber müde und bleiben, wo wir sind.
Aber nicht für lange, denn wir wollen ja möglichst noch bis zum Hierabrunnen kommen. Das klingt nach einer Rastmöglichkeit, bei der man wenigstens Wasser haben könnte. So brechen wir auf, immer oben am Bergkamm entlang durch den Wald, vorbei an einigen Hütten mit fantastischer Aussicht, die einige sogar sofort in Beschlag nehmen wollen. Andere hingegen meinen, dass es zum Hierabrunnen sicherlich nicht mehr weit sei, und sollte der schrecklich sein, so könne man ja noch einmal zurück gehen.
Er ist aber gar nicht schrecklich, sondern noch schöner. Das Wasser kommt zwar nur tröpfchenweise, aber nach zehn Minuten hat man einen Liter beisammen. So verbringen wir noch einmal eine wunderschöne Nacht mitten in der Natur.
Freitag, 18. Juli 2003
Weit ist es nicht mehr, aber ich gehöre nicht zu den Rindern, die losrennen, sobald sie Wasser riechen oder den Pferden, die den Schritt beschleunigen, wenn sie den heimischen Stall sehen. Zumal ich weder einen Stall besitze noch sehe, und ich wittere auch nichts Besonderes. Unabhängig davon geht es voran, durch die Hinterhäuser und Dresselbach, bis schließlich Schluchsee und letztlich Seebrugg erreicht ist. Man lädt ab. Vollbracht! Zwar nicht der ganze Mittelweg, der noch weiter bis Waldshut führen würde, aber doch immerhin unser Ziel erreicht. Nach einem gemütlichen Mahl mit Fliegen im Salat setzen Nils und Katja sich in den Zug nach Freiburg, während ich versuche, meine Eltern zu erreichen. Funktioniert nicht so ganz toll, aber immerhin gibt es einen Bus, der nur 2 Stunden später bis nach Gurtweil fährt. Von dort abgeholt ist bald Lauchringen erreicht.
Eine kurze Zusammenfassung:
150 km in 7½ Tagen, eigentlich nur 7 Tagen, da wir einen halben Tag Bus gefahren sind. 9 Blasen. Drei Rollen Tape. 25 Portionen Fertigessen. Unzählige Liter Wasser.
Ja, es hat sich rentiert.


