Taiwanreise - Kapitel 4

Bald habt ihr den Besichtigungsteil in Tainan geschafft. Wahrscheinlich kriege ich mit diesem Bericht schon alles zusammen, was ihr noch nicht hören wolltet, als da wären eine Einführung ins chinesische Malen, lokale Berühmtheiten und eine Einführung in die Kultur Kunst von Tainan.

Kultur Kunst mag komisch klingen, aber so steht's in meinem Programm. Also, im Programm steht's auf Englisch, aber das ändert nichts an der Tatsache das es komisch klingt. Aber das Programm kann nicht lügen, denn es hat keinen Mund, und somit war es wohl wirklich eine Einführung in die Kultur Kunst von Taiwan. Aber das kommt ja zum Schluss, oder zumindest fast. Danach gibt's noch eine Überraschung für die regelmäßigen Chinaberichtleser.

Die Malerei Chinas wurde zu unser aller Entsetzen nicht als Diavortrag wie die Einführung in die Architektur durchgeführt. Wie soll man in einer hell erleuchteten Galerie den dringend nötigen Schlaf nachholen? Aber das war auch ganz gut, denn unser Professor für Kunst erwies sich als sehr agile und freundliche Person. Vielleicht ein bisschen selbstverliebt, aber das darf man wohl sein, wenn man seine Bilder für mehrere tausend Euro verkauft. Ja, Euro, nix Taiwandollars. Das kann ich nämlich umrechnen. Es war seine eigene Ausstellung, zu Ehren seines Hochzeitstages. Schön, gelt?

Er führte uns zunächst herum und erklärte sogar einiges Interessantes zur chinesischen Malerei, und das in einem passablen Deutsch. Danach hatte er für uns eine Besonderheit vorbereitet: Er führte uns vor, wie er so ein Bild malt. Dazu benötigte er die Hilfe von einem von uns: Ich weiß nicht mehr, wer es war, aber er musste wahllos Tinte auf dem Blatt des Professors verteilen. Erstaunlich, wie schnell aus diesen wahllosen Tinteklecksen eine chinesische Landschaft wurde. Nach einer Viertelstunde sah das Bild schon richtig gut aus. Noch nicht perfekt, aber dafür hätte er noch mehrmals das Gemälde trocknen lassen und nacharbeiten müssen, wofür natürlich keine Zeit war, denn jetzt ging der Pinsel im Kreise herum. Jeweils drei von uns schwangen Rosshaar und platzierten Gesteinssaft auf Baumwollgewebe. Was natürlich riesig Spaß machte, aber im Ergebnis seltsamerweise nicht so ganz an den Professor heran kam.

Fließend kann ich an dieser Stelle dazu übergehen, wer die lokalen Berühmtheiten sind: Natürlich wir! Aber gib zu, mit was anderem hättest du gar nicht gerechnet. Es fing damit an, dass mir auf der Straße von einem Chinesen auf den Kopf zugesagt wurde, dass ich Deutscher sei. Das verwunderte mich geringfügig, den normalerweise wird man für einen Ami (respektive Russen in Harbin) gehalten. So fragte ich, wie er zu dieser Erkenntnis gekommen sei. Da blitzten mich seine Äuglein klug an und er erklärte, er hätte von uns in der Zeitung gelesen. Diese Nachricht verbreitete sich in unserer Gruppe mit rasender Geschwindigkeit, und kurz darauf wurden zwei Seven Eleven (das ist eine in Taiwan weit verbreitete amerikanische Ladenkette) ihrer kompletten Vorräte der China Daily beraubt. Ja, dort waren wir, auf der letzten Seite zwar, aber in Farbe abgebildet. Im Text wurde Darko sogar namentlich erwähnt, in lateinischen Buchstaben. Es stand dort, dass er am besten gemalt habe. Da er selbst noch nicht so gut Chinesisch kann, hat er mich gefragt, ob ich ihm das übersetzen könne. Habe ich natürlich gemacht: "Einer der Studenten namens Darko zeigte, wie viel Spaß die Deutschen trotz mangelnden Talents am Malen haben." Er hat es mir leider nicht abgekauft. Egal, gemein sein macht Spaß. Muss mir noch ein paar fiese Sachen ausdenken, die ich heute in die Speisekarte hineininterpretieren kann.

Am Abend gab es noch eine Einführung in das leckere Essen Tainans. Es waren die harmloseren Spezialitäten, wie uns mehrfach von der Referentin bestätigt wurde. Das meiste war auch genießbar und teilweise sogar wohlschmeckend, aber diese Gelatinewürfel mit eingeweideähnlichem Inhalt sind seltsamerweise nicht weggekommen...

Auch die Einführung in Tainans Kultur Kunst war sehr nett. Zunächst wieder einer dieser voll klimatisierten Räume mit weichen Sesseln direkt nach dem Mittagessen. Schon konnte der Kampf gegen zufallende Augen beginnen. Der Vortrag war auch ganz nett, aber als dann die Videos über Tainan liefen, und der Raum auch noch entsprechend abgedunkelt wurde, war die Schlacht verloren. Trotzdem habe ich noch mitgenommen, wie die Videos waren: Wie eine Werbebroschüre für die Industrie, nur eben auf Band.

Danach ging es zu einer Ausstellung. Diese war dummerweise nicht von Künstlern aus Tainan, wie man erwarten sollte bei einem Vortrag über die Kultur Kunst Tainans, sondern aus Makao. Die Ausstellung war ungefähr so, wie man sich eine Ausstellung in einem besetzten Haus in Berlin vorstellen würde. Nur lief niemand mit Dreadlocks rum, was ich persönlich schade fand. Aber immerhin wurden wir von der hübschen Tochter des Professors begleitet, was zumindest teilweise für das allzu gepflegte Aussehen der "Hausbesetzer" entschädigte. Das Haus selbst hatte die üblichen Merkmale von Baufälligkeit: Löcher in Decken und Wänden, Putzreste auf dem Boden und einige Dielenbretter, denen man sein Leben nicht anvertrauen wollte. Das mag jetzt böse klingen, aber ich mag so was schon. Ja, auch ich hatte mal Dreadlocks, auch wenn du dich (hoffentlich) nicht mehr daran erinnern kannst. Die ausgestellten Werke waren moderne Kunst. Ziemlich depressive moderne Kunst. Gemeine noch dazu: An einer quer durch den Raum gespannten Schnur hing ein Käfig, in dem zwei zuckersüße weiße Mäuse saßen. Diese hatten gerade mal die leere Futterschale als Ruhemöglichkeit, sonst waren da nur fiese Metalldrähte. Das mir als Kleintierliebhaber. Also nur gern haben, nicht was man da jetzt wieder reininterpretieren könnte. Spätestens jetzt wäre geklärt, dass die Taiwanesen mit ihrer Missachtung der Tiere den Chinesen in nichts nachstehen.

Zur Strafe für solche Grausamkeit haben wir dann gleich die Tochter des Professors gezwungen, uns am Abend in eine Disco zu begleiten. Hat sie nicht so sehr gestört, im Gegenteil, sie hat ganz fröhlich mitgetanzt und will auch unbedingt auf die Verabschiedungsparty heute Abend kommen. Was die Nacht in der Disco angeht, nun, die Musik war durchaus vertretbar - Techno, ein bisschen Wave, Poplieder mit Bass unterlegt, Lala Kylie z.B., aber auch mal Linkin Park. Ganz nette Mischung somit. Was den Rest angeht, verweise ich nur auf meine Chinaberichte aus Kunming, die leider nicht online sind. Aber der aufmerksame Leser hat diese sicherlich noch in einem Ordner zu Hause versteckt. Der unaufmerksame Leser kann sie gerne bei mir beantragen (nachdem er sich gehörig geschämt hat, versteht sich), und den gleichgültige Leser wird es sicherlich nicht belasten, wenn er niemals erfährt, wie das wilde Treiben in einer chinesischen Disco aussieht. Ach ja, die Disco in Taiwan war - soweit ich das beurteilen konnte - kriminalitätsfrei. Also streicht auch die Absätze über Türsteher in stichsicheren Westen und Drogendealer auf dem Klo.

 

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