Taiwanreise - Kapitel 3
Wiederum steht heute eine Besichtigungstour auf dem Programm, genauer gesagt eine Radtour durch Tainan. Dazu mussten zunächst Fahrräder gemietet werden, und die gab es auch. Allerdings nicht in unserer Größe. Selbst wenn der Sattel bis auf das Maximum herausgezogen wurde, hatte man das Gefühl in die alten Tage der Kindheit zurückversetzt zu sein. Nur dass man eben nicht so klein wie damals war. Zum Ausgleich dazu hatten die Räder klasse Bananenlenker, die richtig gut hochgezogen waren, und somit stieß man mit den Knien nicht gegen die Ellbogen. Lehnte man sich zurück, so kam ein sehr geiles Chopperfealing auf, nur das dröhnende Knattern kam nicht von unten sondern von überall sonst her.
Mein Farbbewusstsein habe ich ja schon mit der gelben Badekappe unter Beweis gestellt, und auch hier stand ich dem in nichts nach: Rosa sollte es sein, und zwar ein schönes aggressives Rosa, nicht nur so ein farbloses Schweinchenrosa. Alle bewunderten mich ob diesen schönen Fahrrads. Glaube ich zumindest.
Auf ging's also durch die Stadt, hin zu diversen Tempeln, Klöstern und ehemaligen Stadthäusern. Diese sind alle sehr schön, aber lassen sich kaum beschreiben. Darum verweise ich einfach auf Fotos bei meiner Rückkehr.
Aber natürlich gab es auch auf dieser Fahrt nette Anekdoten, die ich dir nicht vorenthalten werde, so sehr du auch darum bettelst. Fangen wir doch gleich mit dem Höhepunkt an: Stefan im Zwiegespräch mit dem mächtigen Gott Huangdi. Eigentlich ist Huangdi ein mystischer Kaiser, aber hier gibt es einen Tempel, in dem er verehrt wird. Also mehr Ahnengeist als mächtiger Gott. Nun, Stefan verneigte sich vor ihm, entzündete Räucherstäbchen und verneigte sich wieder, bevor er die Stäbchen in ein dafür vorgesehenes Gefäß steckte. Da lächelte der Gott. Zugegeben, er hat auch schon vorher gelächelt, die Statue hatte sich also nicht verändert, aber da lächelte er immer noch! Wenn das nicht Beweis genug für sein Wohlwollen ist, dann muss man Orakelsteine werfen. Das sind zwei Bananenförmige, sehr leichte Steine, die eine runde und eine glatte Fläche haben. Nachdem man sich diverse male verneigt hat, wirft man die Steine. Fallen zwei unterschiedliche Seiten nach oben (also glatt und rund), dann hört der Gott zu. Wenn nicht, dann muss man eben noch mal werfen, bis der Gott einem endlich etwas von seiner kostbaren Zeit widmet. Ist dies geschehen, stellt man ihm seine Frage (und verneigt sich noch mal ein paar Mal). Danach zieht man einen Stab, derer sind knapp hundert. Mit dem Stab in der Hand verneigt man sich, um dann noch einmal die Orakelsteine zu werfen. Liegen wieder zwei verschiedene Seiten oben, so hat man das richtige Stäbchen, ansonsten muss man ein Neues ziehen. Bei mir gelang es gleich auf Anhieb, wofür ich mich auch artig mit diversen Verbeugungen bedankte. Die Zahl auf dem Stab gemerkt (Nummer 60, falls du es genau wissen willst), ging ich zu einer großen Tafel, um dort den Weissagespruch zu ziehen. Noch ein paar Verneigungen, und schon durfte ich folgendes lesen:
Gedicht Nummer 60 (hoch hoch)
Die gemeinsame Familie der Brüder in einem Vorort von Song
Beneide die edlen Brüder, die deren Name gut klang.
Eine Bedeutung: bescheiden und nicht selbst überheblich sein.
Der rote japanische Schnurbaum und die gelbe Nachricht nahen.
Das extrem steile Wissensgebiet des Jia ersteigen zwei gemeinsam.
Heilige Bedeutung
Es ist geeignete, ein- und auszugehen.
Es ist gut, Pläne zu erstellen.
Streit wird vorteilhaft geschlichtet.
Reichtum und Blüte.
Bei Schwangerschaft wird ein Sohn geboren.
Krankheit wird zu Gesundheit.
Botschaften stimmen überein.
Es gibt Beistand durch die Götter.
Erklärung zum Verständnis:
Gemeinsamer Wille und gemeinsames Erklimmen,
beide erlangen Heiligkeit.
Zur Zeit kommende weltliche Angelegenheiten
sind geeignet, früh
vorangetrieben zu werden.
Alle Pläne und alle Ausblicke sind günstig.
Glück und Gehalt florieren vollkommen.
Na, das klingt doch erst mal gar nicht schlecht. Jetzt wirst du dich aber sicher fragen, was ich fragte, als ich meine Frage fragen sollte. Nette Frage. Aber keine Antwort! Aber wenn euch irgendwas an mir auffällt, was ganz toll funktioniert, dann wisst ihr ja: Das muss es wohl gewesen sein, was sich der Stefan da von dem alten Huangdi erbeten hat.
Ein weiteres Highlight war die Besichtigung des Matsu-Tempels, einer Schutzpatronin der Fischer. Von den Fischern gibt es in Taiwan ziemlich viele (surprise!) und daher hat Matsu auch eine relativ hohe Stellung in der Ecke. Eigentlich war ihr Tempel auch eher optisch als anekdotisch spannend, aber der Kulturbeauftragte gibt schon etwas her: Zunächst überhäufte er uns mit diversen Geschenken (von der Werbebroschüre bis hin zum glücksbringenden Armband. Hm, dann könnt ihr wohl doch nicht von meinem Glück auf meinen Wunsch an Huangdi zurückschließen, es könnte ja auch an Matsus Armreif liegen). Zurück zum Kulturbeauftragten: Dieser sprach leider kein Englisch, was er wohl selbst für eine Art Gesichtsverlust hielt. Daher versuchte er, seine trotzdem vorhandenen Fremdsprachenkenntnisse zu demonstrieren: Und sprach die erste Zeit nur auf Japanisch mit mir. Nicht, dass ich kein Japanisch verstünde, aber etwas mühsamer als Chinesisch ist es schon, vor allem wenn ein Chinese Japanisch spricht. Aber da muss man durch, und immerhin gab es auch gleich darauf leckere Plätzchen (man könnte sie vielleicht Matsuoblaten nennen) und eine Führung quer durch den Tempel. Er stellte uns auf chinesisch die einzelnen Hallen und Schreine vor, wobei er mehr oder weniger frei die davor stehenden Schilder vorlas. Aber das mit vollem Einsatz der Arme und des Gesichts. Seine Augen leuchteten förmlich bei den Beschreibungen. Der arme Stefan durfte dann versuchen, all das Gehörte ins Deutsche zu übersetzen. Nun das klang ungefähr so: "Also, am 7. 7. ist irgendwas, und das hat mit einem Typen zu tun, der auch irgendwas gemacht hat." Weitere Ausführungen erspare ich euch an dieser Stelle gerne.
Von dem geilen Chopperfealing der Räder habe ich schon erzählt, und als sich nun sogar die Sonne am Himmel zeigte (bisher hatte es wechselweise heftig bis sehr heftig geregnet, optimales Radtourwetter also), überkam es mich und ich stimmte die Hymne all derer an, die ein wildes und freies Leben führen: "Born to be wahaaaild!" Die anderen wurden von dieser Stimmung sofort inspiriert und erhöhten das Tempo beim Fahren. Wenn die denken, mir geht so schnell die Luft aus, dann haben sie sich aber gründlich geschnitten!
Den Rest will ich euch in Ultrakurzversion präsentieren: Raus zum Hafen, fieser Gegenwind, schöner Sonnenuntergang, Plattfuß an Ruths Rad, mühsame Rückkehr, in der Armory (Kneipe) white Russians geschlürft. Dann erschöpft ins Bett gefallen.




