Taiwanreise - Kapitel 2

Wo waren wir doch gleich stehen geblieben? Ach ja, beim Schlafmangel. Dieser weitet sich so langsam aus. Habe ich noch Glück, da ich den regelmäßigen Chinesischkurs nicht zu besuchen pflege (aber immerhin kann ich schon "Hallo" auf Chinesisch sagen), und die dort gewonnene Zeit meist in Schlaf umwandle, so hat sich im Rest der Gruppe schon ein dunkler Rand unter den Augen eingebrannt. Tagsüber gibt es ja ständig Aktivitäten der unterschiedlichsten Art, von denen später mehr zu lesen sein wird und denen man auch ständig beiwohnt. Abends schleichen wir uns dann heimlich aus den Wohnheimen und gehen in Bars, um gegen 2 Uhr nachts heimzukehren. Nun, wir Männer schleichen eigentlich nicht, aber das Girls Dormitory hat um 23 Uhr Sperrstunde. Hihihi, so ist's recht, sage ich da nur. Aber unsere Maiden haben natürlich eine Sondergenehmigung, und müssen darum nur etwa eine halbe Stunde mit ihrem Pförtner diskutieren, um nach 23 Uhr hinein zu kommen. Dunkel allein ist der Anfang eines jeden neuen Tages, denn der findet zwischen 7 und 8 statt. Für Frühstück nehme zumindest ich mir keine Zeit mehr. Aber was soll's, man ist ja nicht immer in Taiwan.

Aber auf zu fröhlichen Aktivitäten, und um die chronologische Reihenfolge zu wahren wird das der Ausflug zum Lotusfestival in Baihe und das Sich-an-der-heißen-Quelle-erfreuen sein.

Früh morgens verloren wir gleich einmal Gerrit, der seine Badehose vergessen hatte und es dann nicht mehr rechtzeitig zum Bus schaffte, weil er einmal die falsche Abzweigung nahm. Da in China das Gesetz "einmal falsch abgebogen, auf immer verlaufen" gilt, gelang es ihm auch nicht mehr, die wartenden Busse (insgesamt 3) zu erreichen. Diese waren auch bereits mit einer Horde (also 50 - 100) urlaubenden Japanern angefüllt, dazu noch einige handverlesene Chinesen, wir und eine Sinologiestudentin aus München, die auch die weiteren Abende mit uns verbringen wird. Ha, Stefan kann in die Zukunft sehen, ist das nicht toll? Nein, es ist nicht schwer, wenn die Zukunft bereits Vergangenheit ist.

Während der Busfahrt wurde jedem von uns eine Pappschachtel der Pandorra gereicht. Der Inhalt von grausiger Schrecklichkeit: Frühstück. Einzeln abgepackte, nach seltsam süßen Dingen schmeckende Breiklumpen, die wohl tatsächlich einmal gebacken wurden, aber niemals so etwas wie Stabilität erreichten. Gummibrot mit Füllung. Aber ich bin vielleicht etwas ungerecht gegenüber dem Frühstück: der eine Keks war lecker.

Ankunft am Lotusfest: Ein Teich. Darauf Seerosen. Große Seerosen. Eine Brücke führt weiter. Am Ende des Teichs. Lotus, halb vertrocknet. Eine Pagode, Schatten. Gut das! Auch die leckeren Lotuskerne haben wir probiert, obwohl die Wurzeln viel, viel besser sind. Aber in das Wasser wollte keiner freiwillig reinbraten, und eine Mikrowelle zum Zubereiten war auch gerade nicht da.

Der nächste Halt war wiederum bei einem Lotusseegebiet, vermute ich zumindest. Wir haben einfach den nächstliegenden Hügel erklommen, und uns in den Schatten von einigen Kiefern gesetzt. "Langweiler!", höre ich dich da schreien, aber so ist es nicht. Erwähnte ich schon, dass die Temperatur hier leicht 40 Grad erreicht? Als ich gerade in unser Zimmer kam, dachte ich noch "wie angenehm kühl es doch hier ist, da muss ich die Klimaanlage gar nicht anstellen." Ein Blick auf das Thermometer verriet, dass "kühl" relativ und die Temperatur real 28° betrug. Am Vormittag. Egal, wir waren müde und verschwitzt und der leichte Wind im Schatten einiger Kiefern war herrlich.

Natürlich gibt es auch immer die unermüdlichen Mitreisenden, die trotzdem noch eine Runde über den nahe gelegenen Friedhof drehen. Dieser war ja auch sehr schön, aber da gerade an jenem Tag der 1. Juli war (Mondkalender), begann der Geistermonat. In dieser Zeit steigen die Toten aus den Gräbern und wenn man sie stört, so nehmen sie sich ein paar Lebende in die Hölle mit. Worauf unsere wagemutigen Entdecker von einer besorgten Taiwanesin hingewiesen wurden.

Weiter ging's zur heißen Quelle, die wie zufällig direkt unter einem Hotel entsprang. Dementsprechend musste man nicht nur Eintritt zahlen, sondern auch eine Badekappe aufsetzen - unabhängig von Haarlänge oder der Tatsache, ob man überhaupt Haare hat. Ich entschied mich für ein schickes Knallgelb. Außerdem musste Mann eine besondere Badehose erwerben, da Bermudashorts natürlich nicht geeignet sind in heilig heilendes Wasser einzutauchen. Dieser zweite Kunstgriff modernen Designs war eine hautenganliegende, aus Gummiartiger Substanz bestehende Hose, die etwa die Länge einer Boxershort hatte. Auf Stil legt man hier eben Wert!

Schon im Eingangsbereich mussten wir erkennen, dass es eigentlich keine Frage des Stils, sondern der Abzocke war, da die anwesenden Männer durchaus auch "normale" Badehosen trugen, und wir schlossen uns diesem Outfit gerne an. Meine Badekappe hatte ich aber schon sehr lieb gewonnen, weswegen ich froh war, dass sie tatsächlich verpflichtend war.

So ging es denn hinein, in heiße Schlammbäder, die die Haut pflegen, glätten und wahrscheinlich sogar weißen. Denn weiße Haut ist hier ja ein Schönheitsideal, fast so wie das Geschlecht betonende Badehosen. Leider ist es uns nicht gelungen, genug Schlamm vom Boden zu kratzen, um auch unser Gesicht damit einzuschmieren. Tja, wenn ich zurück komme, werdet ihr den Unterschied deutlich sehen können.

Sehr angenehm waren die anschließenden Massagebäder. Whirlpools unterschiedlicher Stärke waren erst der Anfang, mit Düsen, die von weich bis man-braucht-alle-Kraft-um-nicht-weggedrückt-zu-werden reichten, gab es alles. Teilweise schmerzhaft, aber immer angenehm. Der Höhepunkt waren Steinbänke, auf die man sich legen konnte, um aus drei Meter Höhe von senkrecht herabschießenden Strahlen, ja, ich möchte sagen, beschossen zu werden. Danach war nicht nur die Haut weich und gepflegt, sondern auch die Knochen weich und pulverisiert.

Die Rückkehr verlief dann in allgemeiner Stille und Andacht, allein der Hunger trieb uns noch mal hinaus auf die Straße. Wobei wir natürlich in einer Bar hängen blieben um wieder weit nach Mitternacht heimzukommen.

 

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