Harbintagebuch, den 12. Juni 2000

Diesmal hat es wohl etwas länger gedauert, aber die Verbindung wird auch von Tag zu Tag schlechter. Ob das nun an dem Chinesischen Internetzugang oder GMX liegt, weiß ich allerdings nicht.
In den letzten Tagen ging es wieder, hat aber trotzdem noch länger gedauert (der erste Versuch ist gleich ganz gescheitert...)
Dann wollen wir mal da fortfahren, wo wir vor einiger Zeit aufgehört haben: Dramatis Personä. Ich denke, die engere Familie und die Angestellten der New World Consultative Company habe ich euch schon vorgestellt, oder? Dann machen wir mal weiter mit:
Die Frau an der Türe des Bürogebäudes. Sie trägt ein rotes Kleid und eine rote Schärpe. Falls es heiß ist (momentan haben wir ca. 35 Grad Celsius) dann hat sie auch einen rosanen Regen/Sonnenschirm und manchmal eine Sonnenbrille. Falls es kalt ist, trägt sie noch einen roten Mantel. Das ist ihre Arbeit. Nicht mehr, sie steht einfach nur an der Türe und trägt dieses herrliche Outfit. Muss Spaß machen, überfordern wird es wohl die wenigsten. Wobei, den ganzen Tag stehen ist ziemlich mühsam, denke ich. Immerhin freut sie sich, wenn man sie nett grüßt - die Chinesen, die das Bürogebäude betreten, bemerken sie glaube ich nicht einmal. Dabei trägt sie doch die Schärpe mit dem Namen des Gebäudes.
Die keine Ahnung in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis zur Chefin sie steht, aber sie macht den Haushalt - Frau. Sie wohnt in der Wohnung von Chefin, und schmeißt dort den Haushalt. Bisher habe ich mir nie so richtig vorstellen können, was ein Frettchengesicht ist (man liest das manchmal in schlechten Romanen), aber sie hat eines. Das ist nicht böse gemeint, aber sie hat eindeutig ein Frettchengesicht. Noch habe ich kein Foto von ihr (zumindest keins von vorne), aber das wird sich noch ändern, dann könnt ihr selbst urteilen. Jedenfalls ist ihr Gesicht sehr schmal, und spitzt sich zum Mund hin zu. Die Augen funkeln immer voller Energie - ja, sie hat ein Fr... ihr wisst schon. Ihre Kalligraphiekünste sind gar nicht schlecht (respektive sehr gut), und sie kocht auch nicht schlecht.
Der Freundeskreis um den Mann von Chefin:
Sicher als erstes sollte man doch den Präsidenten erwähnen. Er ist der älteste Bruder des Dreiergespanns. übrigens ein Phänomen, dass sich durch die gesamte chinesische Literatur und Kultur zieht - die drei Freunde, die wie Brüder zueinander sind, und sich selbst auch Brüder nennen. Man findet es schon in "die Geschiehte der Drei Reiche", und auch die drei Monate einer Jahreszeit werden als ein solches Freunde/Brüderpaar angesehen.
Damit hätten wir wieder mal etwas chinesische Kultur vermittelt, und weiter im Text: Der Präsident also, ältester Bruder. Er ist stolzer Besitzer eines Badehauses. Von diesen Badehäusern gibt es einige, wahrscheinlich hat nicht jede Familie ein Bad. Dass das Badehaus des auch Badezimmerbesitzer anzieht, liegt wohl am gebotenen Entertainment. Jedenfalls verdient er nicht schlecht, was er auch gerne beweist. Er spielt ziemlich gut Saxophon (oder wie ein Westler dazu sagen würde: Klarinette) und singt auch sehr gerne und viel (Karaoke ist sein Leben). Zudem kocht er sehr hervorragend. Dies klingt doch nach einem Leben voll der Genüsse, oder? Nun, sie haben auch ihre Spuren hinterlassen; damit meine ich nicht einmal unbedingt seine Beleibtheit, sondern viel mehr seine Lippen: Das sind die großen, tiefroten Lippen des übermäßigen Genusses. Der Tiger, mittlerer Bruder des Gespanns, ist der Meister des Schnapses. Was er so verträgt - phuu, da möchte ich nicht mal die Hälfte trinken. Aber inzwischen merke ich genau, wann er genug hatte: Dann nämlich, wenn sein rechtes Auge nicht mehr ganz so weit aufgeht wie das linke. Dieser unsymmetrische Eindruck war am Anfang nur verwirrend, inzwischen ist er sehr hilfreich, um abzuschätzen, wie viel man selbst noch trinken muss - denn der Tiger trinkt nicht gerne alleine. Es ist immer ein schönes Schauspiel, wenn er ,Gan Bei' ruft, ich ,yi ban' antworte, er wieder ,gan bei' und so weiter.
,Gan Bei' bedeutet übrigens so viel wie ,ex', ,yi ban' bedeutet, das Glas zur Hälfte leeren. Für diejenigen unter euch, die keine Kampftrinkerausbildung haben und trotzdem hierherkommen wollen: es gibt auch noch ,yi kou', ein Schluck. Aber man muss sagen, dass sie alle recht gut erkennen, wie viel man hatte, und wie viel man noch verträgt. Richtig betrunken machen sie einen hier nicht, aber sie sorgen dafür, dass man sich auf jeden Fall gut fühlt.
Noch ein Wort zum Franzosen: Mal abgesehen davon, dass er ziemlich schnarcht, komme ich ganz gut mit ihm aus. Auch das Schnarchen stört mich nicht wirklich, bin ich doch Mario-erprobt (alter Karatetrainer von mir - er brachte 120 Kilo auf die Waage und war einen Kopf kleiner als ich. Mit ihm bei einem Lehrgang in einer Halle zu schlafen, war immer amüsant). Er hat hier gelernt, den Alkohol zu genießen, und es ist immer wieder heiter, wenn man Chinesisch mit französischem Akzent hört. Davon abgesehen, dass er weniger spricht als ich, ist sein Chinesisch besser als meins. Ich glaube fast, der lernt diese komische Sprache so richtig ernsthaft. Wenn ich über ihn etwas Gemeines sage, so liegt das daran, dass ich eifersüchtig bin: Die Chefin hat wohl den Markt für die französische Sprache etwas überschätzt, jedenfalls wird er heute (drei Wochen nach seiner Ankunft) seine erste Stunde halten - den Rest der Zeit hatte er frei. Aber ich kann mich eigentlich auch nicht beklagen, bei 9 Stunden die Woche.
So, die Tastatur ist genug gequält, will mal sehen, ob ich vielleicht doch noch auf meine Mailbox zugreifen kann (so sicher ist das nicht), demnächst kommen so schöne Themen wie: ein Chinesischer Festtag und das schon lange versprochene Chinesische Essen werde ich auch noch nachliefern.

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