Harbintagebuch, den 17. Mai 2000

Heute möchte ich euch mal ein paar der Leute hier in China vorstellen. Fangen wir mal mit der Chefin an: Sie ist sehr energisch, wird wohl mal eine herausragend gute chinesische Oma werden. Ihre Durchsetzungskraft ist erstaunlich. Ein Beispiel? Mein Vorgänger hat noch einen dieser schönen chinesischen Stempel gekauft. Den Preis hat sie zunächst mal so tief heruntergefeilscht, dass wir wohl kurz davor waren, aus dem Laden geworfen zu werden. Als wir den Stempel (der Teil eines Schreibsets war, also in Verpackung war) bekamen - das dauerte etwas, da die Schriftzeichen eingeritzt werden mussten, was dank ihrer überredungskünste auch innerhalb von 3 Stunden statt 2 Tagen erledigt war - da fragte sie, ob er auch in eine dieser Stempelschachteln passt. Der Verkäufer führte es vor - sie schnappte sich Stempel UND Schachtel, bedankte sich und ging. Ziemlich dreist.
Ihr Mann ist eine der sympathischsten Personen hier. Das Gesicht ist gezeichnet von Lachfalten, und er ist sich auch nicht zu schade, eine Nikolausmütze aufzusetzen. Er ist außerdem in der Lage, langsam zu reden, was ich ihm hoch anrechne. Falls man trotzdem nichts versteht, hilft er sich mit einer Gestensprache weiter, deren Einfallsreichtum in China unerreicht ist. Mit ihm kann man sich also recht gut amüsieren.
Der jüngere Bruder der Chefin ist da anders: Man versteht ihn überhaupt nicht. Bei ihm besteht nahezu jedes Wort nur aus Zischlauten. Da sein Lieblingsthema Autos ist (sprich Tschitschö), macht das aber nichts.
Erwähnenswert wäre vielleicht, dass er einen relativ hohen Rang bei der Polizei hat (sprich, aus dem Lamettastadium herausgewachsen ist) und von daher gewisse Privilegien, was den Verkehr angeht, genießt. Witzig: Seine Haare kämmt er sich vorne über die Stirn, festigt sie aber derart, dass sie wie ein Baldachin leicht weggewölbt sind. Sieht ziemlich ulkig aus.
Die Frau mit den Locken - ich wusste nie so recht, wer oder was sie ist. Sie arbeitet wohl auch in der Firma, hat wohl auch etwas zu sagen, aber irgendwie nicht richtig, weil sie schließlich auch nur irgendwie in der Firma arbeitet, ziemlich verworren also. Des Rätsels Lösung fand sich mit der Ankunft des Franzosen (siehe unten) - der wurde nämlich von der älteren Schwester der Chefin abgeholt. Tatsächlich, die Frau mit den Locken stieg hinter ihm aus dem Zug.
Die Fremdsprachensekretärin der Firma hat ein etwas - Entschuldigung, aber es ist leider wahr - primatenhaftes Aussehen. Hinzu kommt eine ziemlich unangenehme Ausdünstung, die sich ihren schiefen Zähnen entwindet. Immerhin spricht sie Chinesisch und etwas Englisch, fängt gerade an, Deutsch zu lernen.
Die Telefonistin hingegen könnte man fast hübsch nennen - leider sind aber ihre Zähne grau. Nicht fleckig oder gelb, sondern einfach grau. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, ans Telefon zu gehen, wenn es klingelt. Was nicht oft geschieht.
Der Franzose: Kam gestern an, darum kann ich noch nicht viel über ihn sagen. Hat auch 2 Jahre chinesisch gelernt, spricht und versteht momentan noch weniger als ich. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das schnell ändern wird. Immerhin hatte ich zweieinhalb Wochen vorsprung, und ich habe den Eindruck, dass sein Lernstil etwas effizienter ist als der meinige (nicht existente). Er scheint auch etwas schüchtern zu sein, aber das kann auch daran liegen, dass hier alles noch sehr neu für ihn ist, und er deutlich auftaut, wenn er sich erst mal mit China angefreundet hat.
Für heute soll das genug sein, die Fortsetzung folgt, dann mit den Freunden der Familie. Gruß an die Westler im Westen vom Westler im Osten,
Stefan

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