Harbintagebuch, den 11. Mai 2000

N'Abend allerseits!
Hups, bei Euch ist ja jetzt noch früher Morgen - aber egal, hier ist auch noch nicht Abend. Diesmal will ich euch von einer chinesischen Hochzeit erzählen, an der ich teilnehmen durfte. Das das Heiraten für einen Chinesen sehr wichtig ist, merkt man spätestens, wenn man am dritten ,Venus Wedding Plaza' vorbeikommt. Das ist eine Ladenkette, die in jeder etwas größeren Straße eine Filiale hat (auch in Peking hat man sie schon überall gesehen) und sich darauf spezialisiert hat, Bräute für den schönsten Tag ihres Lebens schön zu machen. Dabei werden wirklich alle Register des weißen Tülls, der Seide, der Gaze, der Blumengestecke, der Schminke, des Glitzerstaubs und des Schaumfestigers gezogen. Das Ergebnis, wäre es nicht so unglaublich Puppenhaft, lässt sich manchmal sogar sehen. Immerhin wird nicht zu viel Goldenes benutzt, für das die Chinesen ja sonst eine solche Vorliebe hegen. Aber zurück zum Bericht der Hochzeit:
Fangen wir morgens an: Stefan liegt im Bett und schläft den Schlaf des Gerechten, als es an die Tür pocht. Der Mann von Chefin steht mit dem Frühstück draußen. Merke: übe mehr chinesisch, damit Du den Unterschied zwischen ,um 7.30 Uhr bringe ich das Frühstück' und ,um 7.30 fahren wir zur Hochzeit' verstehst. Aber egal, die Chinesen sehen das nicht so eng. Ihr seht also, zu welch frühen Zeiten die Chinesen heiraten wollen. Erschreckend. Naja, pünktlich um 7.30 wird also zur neuen Wohnung des Brautpaars gefahren. Dort baut auch schon eine Band ihre Instrumente auf, aber bevor man in diesen Genuss kommt, muss die Wohnung besichtigt werden. Etwa dreihundertsiebenundzwanzig Chinesen drängen also der Reihe nach durch eine Zweizimmerwohnung. Naja, ganz so viele sind es wohl nicht, und auch nicht alle gleichzeitig - aber der Bewegungsfreiraum ist doch schon stark eingeschränkt. überall stehen auf kleinen Tellerchen Leckereien und Zigaretten, man bewundert alles und staunt, während man erklärt bekommt, dass die beiden nur übergangsweise hier wohnen werden. Nach ausgiebiger Besichtigung kehrt man zurück auf die Straße, wo die Band schon angefangen hat, zu spielen. Die Band, das ist Keyboard, Schlagzeug, Saxophon, noch ein Saxophon und eine traditionelle chinesische Querflöte. Sehr abgedrehte Mischung, und dass dann so fröhliche Melodien wie ,Hoch auf dem gelben Waagen' ertönen erhöht den Lachreiz doch gewaltig.
An den Autos - und es sind viele Autos - werden an den Außenspiegeln rote Ballons befestigt, die mit für mich unleserlichen Schriftzeichen verziert sind. Die Band baut ab, und eine Wagenkolonne von ca. 20 Autos setzt sich in Bewegung. Durch die roten Ballons verbinden sich die Wagen rein optisch zu einer langen Schlange, respektive einem Drachen, der hier durch die Straßen von Harbin läuft oder fährt. Erstaunlich: Trotz des typischen chinesischen Verkehrs (jeder fährt da, wo es ihm Spaß macht) wird der Drache nur selten unterbrochen.
Nach einer Runde durch die Stadt also erreicht man die zukünftige Wohnung des Brautpaars. Die Wohnung ist noch nicht ganz fertig, wird aber trotzdem intensiv bewundert, und natürlich auch die Braut, die hier schön auf dem Bett drapiert sitzt. Der Vorteil des Westlers ist es, er wird immer in die erste Reihe geschoben, wodurch ich jetzt ganz genau erzählen kann, was geschieht: Der Bräutigam lässt bei der Braut, die von ihm abgewandt sitzt und in weißer Seide versinkt, für sich vorsprechen. Diese Rolle übernimmt wohl ein Freund oder etwas ähnliches, jedenfalls hat der gute Mann Alleinunterhaltercharakter. Vielleicht ist es auch ein Priester. Egal, nach vielen Verbeugungen des Bräutigams wendet sich die Braut endlich um und lässt sich umarmen. Der Mann wirft einige Münzen auf das Bett, die Frau nimmt ein paar davon und steckt sie ihm wieder in die Tasche. Ich nehme an, dass ist ein Ritual, dass für Wohlstand sorgen soll.
Dann gehen beide ins Wohnzimmer hinüber, der Westler wird hinterhergetragen. Die Eltern der Braut sitzen auf zwei Hockern nebeneinander da, und geben unter heftigem Wortschwall des Priesterentertainers und zahlreichen Verbeugungen des Brautpaares ihre Zustimmung.
Wenig später setzt sich wieder der Drache in Bewegung (ich schreibe jetzt etwas schneller, die mail wird sowieso schon wieder zu lang :-( ) und es geht in ein sehr, sehr teueres Restaurant. Die Band, die auch vor der zukünftigen Wohnung ein paar Lieder zum Besten gegeben hat, baut sich jetzt begeistert auf der Bühne auf, während sich ca. 200 Leute an den Tischen verteilen - diese 200 ist übrigens ernst gemeint. Unmengen von Essen, jede Menge Schnaps und Bier werden aufgetragen. Der Entertainer zieht eine ziemliche Show ab (von der ich leider fast gar nichts verstanden habe), es kommt auch zu einer Art „Willst Du sie lieben und Ehren und so weiter“. Aber erst müssen natürlich siebzehn Leute bestätigt haben, dass die Braut sehr hübsch ist.
Zurück zum „Lieben und Ehren“. Der Bräutigam sagt brav ja, die Braut nicht. Hmmm, was tun? Da muss der Bräutigam wohl einige Zugeständnisse machen. Immer wieder frägt ihn der Entertainer, ob er nicht auch dies oder jenes machen würde - hierbei kam es wohl zu einigen Anspielungen, und Witzen. Immerhin lachte der Saal recht regelmäßig. Nach einiger Zeit gab die Braut ihr ja, die Band fing an zu spielen (diesmal ,Jingle Bells') und das Fressen begann. Während dieser kulinarischen Orgie drehte das Brautpaar noch eine Runde, bedankte sich bei diesen und unterhielt sich mit jenen, ließ sich etwa zwanzig Mal mit dem Westler fotografieren (nicht, dass mir das nicht Spaß gemacht hätte ;-) und wollte gar noch ein Liedlein von ihm hören - da habe ich dann aber doch abgelehnt, mit dem Entertainer, der auch im Verlauf der ,Zeremonie' ab und an etwas gesungen hat, könnte ich nicht mithalten ;-) Zur Umgebung: Das Restaurant war sehr teuer, und die Ausstattung lässt vermuten, dass der Traum eines chinesischen Brautpaares die Las Vegas Hochzeit, lange Version ist. Well, gegen 16 Uhr war die Sache erledigt, und ich armer Kerl musste noch in Volltrunkenem Zustand Unterricht halten. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich mich von sowas nicht aufhalten lasse.
Grüße in die Heimat und eine schöne Woche,
Stefan

P.S.: Irgend jemand hat noch chinesische Weisheit beantragt, here we go: gefunden in einer Zeitung, ähnlich der Wochenbericht: Die fünf Tugenden des Wassers. Selbst fließen und andere Leute schieben können - das ist das Wasser. Unaufhörlich von selbst jede Richtung erforschen - das ist das Wasser. Hundertfache Kraft entwickeln zu können, wenn man auf ein Hindernis stößt - das ist das Wasser.
In der Lage sein, von selbst friedlich den Schmutz anderer zu waschen und alles großherzig aufnehmen zu können - das ist das Wasser. Das endlose Meer, sowohl geschmolzen als Wolke, Regen, Nebel und Schnee, als auch gefroren das Eis erzeugen, dies alles vermag das Wasser, ohne sein ursprüngliches Wesen zu verlieren.
(Wahrscheinlich nicht ganz richtige Übersetzung von mir)
Cheers!

Impressum