Harbintagebuch, den 4. Mai 2000
Inzwischen bin ich nicht nur glücklich in Harbin angekommen, sondern habe auch wieder Zugang zu dem wichtigsten Instrument für einen Computersüchtigen wie mich: Dem Internet. Es ist zwar genauso gemütlich wie alles in China, aber Hauptsache es funktioniert (zum Lesen und Beantworten von 10 mails sollte man sich aber schon eine Stunde Zeit nehmen...) Natürlich gibt es schon unheimlich viel, was ich schreiben könnte, aber ich will ja nicht gleich beim ersten Mal zehn Seiten tippen, und danach kommt nichts mehr. Darum hier nur eine kurze Einführung, wie ich nach Harbin kam.
Der Flug war wie so ziemlich jeder andere Flug auch, den ich bereits
hatte. Also nichts besonderes. Bei der Ankunft in Peking stand dann
eine nette Dame mit einem schönen Schild in der Hand da, auf dem
mein Name stand. Welch ein Glück, das ich ein bisschen chinesisch
kann: Sie konnte kein Wort Englisch, geschweige denn Deutsch. Ihre
Begeisterung war deutlich sichtbar, als sie auf den Regen deutete und
Gesten der Abscheu machte und ich ,you yu' (sprich: es regnet) sagte.
Zunächst war ein sightseeing Programm in Peking angesagt: Nun,
damit habe ich sie ziemlich zur Verzweiflung getrieben, war ich doch
letztes Jahr schon einen Monat in Peking (um noch einmal darauf
hinzuweisen - irgendwie muss man ja den Counter in die Höhe
treiben ;-) Wonach auch immer sie fragte, ich hatte es schon
gesehen. Für einen Chinesen scheint es auch unmöglich zu
sein, etwas zwei Mal zu betrachten, darum kehrten wir schon nach
Besteigen des Tianan - Tores wieder zum Bahnhof zurück. War mir
eigentlich auch ziemlich recht, da ich noch recht müde war.
übrigens saßen wir in der Ausländer - special -
longue: Gewaltige Ledersessel, Marmor allerorten, Goldbeschläge,
Klimaanlage, und eine Frau, die ständig Kreise mit einem Wischmop
drehte. Ist das nicht schön? Die Zugfahrt im Schlafwagenabteil
war auch ganz nett. Natürlich wurde man von allen Seiten
angesprochen, der Westler war wieder mal Attraktion des Tages. Schlimm
schlimm... An sich war die Zugfahrt sehr angenehm, mal davon
abgesehen, dass die einzelnen Wagons untereinander Spiel hatten,
folglich bei jedem Anfahren und Anhalten Der Wagon so heftig erbebte,
dass man Angst hatte, aus seinem Bett zu fallen. Außerdem war es
natürlich schade, dass wir bei Nacht fuhren, und ich nichts von
der Landschaft sehen konnte. Andererseits war ich sowieso zu
müde, um irgend etwas davon genauer wahrnehmen zu
können.
In Harbin angekommen wurden wir dann gleich zum Essen verfrachtet - darüber möchte ich mich jetzt noch nicht auslassen, das kommt noch, so sicher wie das Amen in der Kirche ;-) Zu meiner Erleichterung war mein Vorgänger noch da, der auf den überaus schönen Namen Stefan hört. Seine Einführung ,in die Materie' war mehr als nur hilfreich (thanx).
Die Wohnung, in der ich untergebracht bin, ist ziemlich groß: Winziger Gang, großes Wohn/Schlafzimmer (mit zwei Betten, falls mich einer von euch mal besuchen möchte ;-), einem Feuchtbiotop - äeh, Bad, und einer Küche. Wir wollen es zumindest mal Küche nennen, da das wohl als Funktion gedacht ist. Kochen werde ich dort voraussichtlich nicht sehr oft, da für das leibliche Wohl bestens gesorgt ist.
Der Arbeitsaufwand wird sich hier wohl in Grenzen halten, wenn es hoch kommt muss ich wohl vier Stunden Deutschunterricht am Tag geben. Wahrscheinlich werden es aber eher zwei Stunden werden - den Rest der Zeit sitzt man plakativ und möglichst westlich in einem Büro, auf dass zukünftige Kunden auf den ersten Blick erkennen, wie international die Firma ist. Phuuu, ich könnte noch Stunden weiterschreiben, aber wie gesagt, ich will ja nicht schon mit der ersten mail nerven ;-), außerdem werde ich in wenigen Minuten dem Deutschunterricht beiwohnen - sozusagen zum Reinschnuppern. Mal sehen, wie die Chinesen so unterrichten. Was ich bisher in Deutschland im Chinesischunterricht kennengelernt habe, lässt einen Schaudern....



